Der Positiven Psychologie wird bisweilen vorgeworfen, sie wolle allen Menschen die sprichwörtliche rosarote Brille aufsetzen. Faktisch ist es so, dass wir Menschen punktuell und anlassbezogen – dann, wenn es nützt – dabei unterstützen, den Grauschleier zu entfernen, den uns einige zehntausend Jahre an Evolution auferlegt haben.
Der Mensch ist aufgrund seiner Entwicklungsgeschichte ein effektiver Schwarzseher und Miesepeter. Unser gesamter Wahrnehmungsapparat strebt danach, aus den potentiell vorhandenen Reizen in einer gegebenen Situation zuverlässig jene herauszufiltern und hervorzuheben, die potentiell bedrohlich sind.* Das ist hochgradig intelligent. Wie ich in meinen Vorträgen bisweilen zu sagen pflege:
"Nicht sterben ist ja oft ein guter Anfang."
Die Herausforderung, wie bei so vielen Aspekten des modernen menschlichen Lebens: Die "Software" in unserem Gehirn hat seit vielen Tausend Jahren kein Update mehr bekommen – die Umwelten, in denen wir leben, haben sich hingegen radikal verändert.
Die hypersensible Alarmanlage im Gehirn hat in der prähistorischen Ära viel Sinn ergeben. Menschen lebten damals zumeist in einer Welt, die – stabile Wetterverhältnisse vorausgesetzt – wesentlich „gechillter“ war als unsere heutige Existenz. Es gab recht wenige Gefahrenquellen. Diese waren dafür aber in aller Regel hochgradig gefährlich (Raubtiere, verfeindete Stämme, Waldbrände usw.). Und genau darauf ist der Negativitätsfilter in unserem Gehirn aus: Er möchte uns zuverlässig, am liebsten zu einhundert Prozent, vor potenziell tödlichen Gefahren schützen.
In der heutigen Zeit, inklusive der (sozial-)medialen Reizüberflutung, ist unser Gehirn einer viel größere Menge an Gefahren ausgesetzt, wobei es sich in den allermeisten Fällen um Pseudogefahren handelt. Sie betreffen uns einerseits nicht persönlich, andererseits hätten wir auch gar keine Handhabe, um etwas dagegen zu tun. Dieser Aspekt der „gefühlten Machtlosigkeit“ angesichts der „gefühlten Schlechtigkeit“ der Welt kann möglicherweise (mit) erklären, warum in den letzten Jahren deutlich mehr Menschen an Depressionen erkranken als früher.

Ich habe das exemplarisch in einer Grafik verarbeitet: Zunächst gibt es da draußen eine irgendwie geartete, objektive Welt. In dieser Welt gibt es mit hoher Wahrscheinlichkeit viele schöne, positive Dinge – und ebenso viele negative und unschöne Dinge. Wie sich das Verhältnis konkret darstellt, ist schwer zu beziffern, weil das unter anderem von persönlichen Wertvorstellungen abhängt. Doch nehmen wir zum Zwecke der Übung an, dass sich Gutes und Schlechtes statistisch ungefähr gleich verteilt.
Nun ist es so, dass uns „die Welt da draußen“ heute in vielen Fällen medial präsentiert wird. Das heißt, jemand oder etwas (z.B. ein Algorithmus) wählt aus dem unendlichen Strom verfügbarer Stimuli etwas aus – meist, ohne dass wir darauf Einfluss nehmen könnten. Gemäß der Nachrichtenwerttheorie (aber auch gemäß allem, was wir über die Content-Algorithmen von Facebook & Co. wissen), werden in diesem medialen Selektionsprozess mit extrem hoher Wahrscheinlichkeit Informationen ausgewählt, die etwas mit Tod, Gewalt und anderen bedrohlichen Aspekten des Menschseins zu tun haben.
Heißt im Klartext: Das, was Menschen im Nachgang potentiell mit ihrer Aufmerksamkeit bedenken (Medienkonsum), ist bereits ein dezidiert negativ vorgefilterter Ausschnitt der Welt als solcher. Auf diesen Brei aus Mord, Todschlag und anderen fürchterlichen Aspekten des Lebens geht unser Gehirn nun nochmals mit seinen eigenen, automatisierten Filtermechanismen (Bias) los. Im Ergebnis bleiben fast alle positiven Stimuli auf der Strecke. Der amerikanischen Neurowissenschaftler Rick Hanson hat das metaphorisch einmal so ausgedrückt:
Unser Gehirn besitzt für negative Stimuli hochfunktionale Klettverschlüsse. Die positiven Reize rutschen hingegen an einer Teflonschicht ab.
Die Positive Psychologie stellt an diesem Punkt theoriegeleitet verschiedenen Werkzeuge und „Haltungen“ zu Verfügung, um jenem automatisch vorgefilterten Strom an Negativität bewusst etwas Positives entgegenzusetzen. Wohlgemerkt nicht, um etwaige Probleme und Herausforderungen zu ignorieren, sondern um einen Ausgleich zu finden, um Energie und Kraft zu schöpfen, um sich selbst in einen Zustand zu bringen, in dem wir im Zweifel auch für andere da sein können.
In diesem Sinne ist auch die Überschrift der Grafik zu verstehen. Sie geht zurück auf einen Passus in Dr. Martin Seligmans Autobiographie "The Hope Circuit“. Er schreibt dort sinngemäß, Pessimismus sei „faul“, weil uns das Schlechte sowieso von alleine findet. Es erfordere mehr intentionales Handeln, um trotz unserer Gehirnarchitektur über viele Lebensbereiche hinweg optimistisch zu bleiben.
Ganz persönlich, als von Depressionen betroffener Mensch, möchte ich mit den Worten schließen: Dieser Aufwand lohnt sich.
* Siehe dazu diesen einflussreichen Forschungsbeitrag: Baumeister, R. F., Bratslavsky, E., Finkenauer, C., & Vohs, K. D. (2001). Bad is stronger than good. Review of General Psychology, 5(4), 323-370.