Nico Rose | Keynote Speaker | Positive Psychologie

Reflexion: Physische Nähe vs. Psychologische Nähe

Das richtige Verhältnis von Arbeit in Präsenz vs. Home Office zu finden ist die eine der großen aktuellen Herausforderungen für Führungskräfte in Organisationen jeglicher Couleur. Freilich gibt es keine One-Size-Fits-All-Lösung. Welchen Funktionen wie viel Home Office gewährt werden kann und sollte, hängt einfach zu stark vom jeweiligen Geschäftsmodell ab.

Viele Leitungskräfte treibt dabei – neben der Sorge um die notwendige Koordination von Aufgaben – eine weitere wichtige Frage um, in etwa: "Ich möchte für mein Team da sein, möchte nicht, dass Respekt und Wertschätzung unter der Distanz leiden." Ich möchte heute auf einen Punkt hinweisen, der in diesen Diskussionen bisweilen zu kurz kommt:

Es gibt einen eklatanten Unterschied zwischen physischer und psychologischer Nähe. Menschen können einander körperlich regelmäßig sehr nah, in Köpfen und Herzen aber trotzdem Lichtjahre voneinander entfernt sein. Und andererseits kennen die meisten von uns jene Erfahrung, dass ein Mensch, z.B. ein guter Freund, uns in der Innenwelt sehr nah scheint, obwohl man sich physisch nur alle paar Monate sieht.

In der Zwischenzeit ist so ein Mensch trotzdem „symbolisch verfügbar“. Es reicht gewissermaßen, dass man sich sehen könnte, wenn Not am Mann wäre. Man braucht nicht viel physische Nähe, gerade, weil es eine starke psychologische Bindung gibt. Diese Überlegung ist nun auch für Führungskräfte relevant.

Ich habe meinen früheren Chef bei Bertelsmann oft wochenlang kaum physisch sehen können, weil wir regelmäßig auf unterschiedlichen Kontinenten unterwegs waren. Trotzdem war er „in mir“ jederzeit präsent. Auch, weil ich wusste: Im Falle des Falles wäre er für mich erreichbar gewesen, hätte mir den Rücken gestärkt, mich gut beraten, wenn auch nur telefonisch oder per Video.

Das führt mich zu der Überlegung: Vielleicht geht es bei der Beziehung zwischen Führungskräften und den Menschen in Teams und Abteilungen gar nicht so sehr um die Quantität des Präsenzzeit – sondern um die Qualität? Möglicherweise sieht man sich regelmäßig sich nur alle zwei Wochen. Aber: Ist das dann „Quality Time“, um eine etwas abgedroschene Metapher zu nutzen? Wird die in gemeinsamer Gegenwart verbrachte Zeit genutzt, um die psychologische Nähe zu stärken? Wird das Bindungskonto aufgefüllt, sodass alle Seiten in der Distanzphase etwas davon abheben können?

Ich bin überzeugt davon, dass die Antworten auf solche Fragen wesentlich relevanter sind, als das Geschacher um prozentuale Anteile bezüglich des Arbeitsortes.

Nico Rose | Remote Work