Mir wird hin und wieder vorgeworfen, ich würde Führungskräfte-Bashing betreiben, wenn ich in Beiträgen das Thema der mangelnden Führungsqualität in Organisationen thematisiere. Dazu sage ich: Diese Menschen hören mir entweder nicht richtig zu und/oder haben das Thema nicht zu Ende gedacht.
I.d.R. ist es so, dass in solchen Konstellationen beide Seiten(!) Leid empfinden. Die geführten Personen leiden, weil sie in ihrer Autonomie eingeschränkt, in ihrer Entwicklung beeinträchtigt werden — und ganz allgemein viel Frust entsteht. Doch auch viele Führungspersonen leiden. Und zwar an den Erfordernissen ihrer Rolle.
Ich kenne dazu keine verlässlichen Daten, doch wenn ich auf das Erfahrungswissen aus meiner Coachingpraxis oder auch aus Seitengespräche bei Vorträgen und Workshops zurückgreife, dann würde ich sagen: 30 bis 40 Prozent der Menschen, die jetzt gerade führen (müssen), nähmen liebend gerne Abstand davon — wenn man ihnen denn einen gesichtswahrenden Ausstieg und gleichzeitig attraktive Karriereoptionen ohne Führungsverantwortung geben könnte.
Wenn ich also einen Satz sage wie „Es führen häufig die Falschen“, dann ist das kein Bashing von Menschen. Ich kritisiere die Unbedarftheit (und manchmal auch Nachlässigkeit) der Prozesse, mit denen Menschen in Organisationen in solche Rollen bugsiert werden.
Nach meinem Dafürhalten mangelt es vielerorts am Willen und vermutlich auch an der Kompetenz, im Vorfeld wirklich valide Diagnostik zu betreiben. Und gleichzeitig gibt es derzeit in zu wenigen Organisationen gesichtswahrende Wege, aus einer Führungsrolle zu „entkommen“ — ohne, dass der Ruf beschädigt wird.
Ich spreche übrigens aus eigener Erfahrung, war selbst eine „Führungskraft wider Willen“. Ich wollte durchaus „Karriere machen“ — und das ging dort, wo ich gewirkt habe, damals nur durch die Übernahme einer hierarchischen Führungsrolle. Ich bereue das nicht, habe aber trotzdem mit 40 Jahren ganz bewusst einen Schlussstrich gezogen…
