Nico Rose | 2023

Reflexion: Wo bleibt der Werkstolz? Das Lernen? Die Freude?

Ich schreibe diesen Beitrag unter dem Eindruck von (scheinbar) losgelösten Begebenheiten aus den letzten Tagen:

  1. Eine Werbung auf Facebook für ein Unternehmen, Tenor: „In zwei Minuten mit wenigen Klicks zur perfekten Hausarbeit, direkt in deine Inbox.
  2. Mehr durch Zufall bin ich auf eine Seite gestoßen, die mein Buch „Management Coaching & Positive Psychologie“ auf 15 Minuten Lesezeit zusammenfasst.
  3. Auf allen Kanälen werde ich bombardiert mit Werbung für Abnehmspritzen. Das Ganze wird als Lifestyle-Entscheidung, nicht als medizinische Prozedur geframed.
  4. Auf Insta erklärt mir ein zu viel Haargel nutzender Mittzwanziger, wie man als Alpha-Mann sein Tinder-Profil optimiert.
  5. Eine Agentur bietet mir an, mein LinkedIn-Profil komplett zu übernehmen. Optimierte Hooks, Storytelling, ein passendes Wertegerüst(!), alles getrimmt auf Reichweite.

Vielleicht ist das einfach schon der „alte Opa mit Hut“, der in mir heranreift — aber gestern Abend hab ich im Bett gelegen und kurz gedacht: „Ich versteh die Welt nicht mehr.“

Im ersten Fall: „Hurra, Seminar bestanden“. Lernkurve: nicht vorhanden.

Im zweiten Fall: Ok, vielleicht ein bisschen was gelernt. Eventuell Lust auf das Buch bekommen (Schön wär’s…)? Aber kein Raum für Tiefe, Reflexion, mal eine Übung ausprobieren oder eine Fußnote nachschlagen. Am Ende bleibt Pseudo-Lernen.

Im dritten Fall: Mir ist klar, dass diese Angebote für manche Menschen ein Segen sind, ein echter medizinischer Fortschritt, um wieder in Richtung eines Normalgewichts zu kommen. Interessanterweise werden diese Menschen in der Werbung aber gar nicht thematisiert. Da wird zwischen den Zeilen eher gesagt: „Sch..ß auf gesunde Ernährung, Sch..ß auf Bewegung — wir fixen das für dich.“ Geringstmöglicher Einsatz (abgesehen vom Geld natürlich). Keine Chance für die Entwicklung von Selbstwirksamkeit, das „aktive Ingredienz“ verlagert sich vollends in die Sphäre außerhalb des Individuums.

Im vierten Fall: Ich verstehe das Konzept von Singlebörsen, hab mich damit Mitte 20 auch herumgetrieben. Und vielleicht gehöre ich auch nicht (mehr) zur Zielgruppe. Mal abgesehen von der zweifelhaften Präsentation durch den Möchtegern-Macho passt dieser Komplex für mich jedoch erneut ins Muster: Kontakt ohne echtes Kennenlernen, keine wirkliche Resonanz, keine Auseinandersetzung mit dem anderen Menschen. Keine Entfaltung der eigenen Persönlichkeit. Maximal: Profil(Neurosen)Optimierung.

Im fünften Fall: Bei solchen Nachrichten schwillt mir echt der Kamm. Nicht wegen des Angebots, sondern wegen der möglichen Empfänger. Wenn du zu „busy“ oder zu „important“ bist, um zwischendurch mal fünf Minuten ein paar eigene Gedanken zu (digitalem) Papier zu bringen: Dann lass es doch einfach!

Bin ich jetzt rückständig? Kleinkariert? Ich weiß es nicht. Aber in Summe laufen da viele Dinge für mich in eine unerquickliche Richtung.