Vor ein paar Wochen bin ich 48 geworden. Eine dieser Phasen, in denen man sich fragt: Wer bin ich? Wo will ich noch hin? Und auch: Wo komme ich eigentlich her? Letztes Jahr ist mein Vater gestorben. Meine Ehe ist zu Ende gegangen. Anlass zur Reflexion war reichlich vorhanden. Eine Erkenntnis hat sich dabei (mal wieder) glasklar gezeigt: Ich bin ein Malocher. Und werde es immer bleiben. Keine Promotion, kein Professorentitel, kein elftes Buch wird daran etwas ändern.
Kürzlich sollte ich für die Rentenversicherung meine Arbeitszeiten während der Ausbildungsphase nachweisen. Der Umfang des Formulars hat nicht ausgereicht. Ich habe schon immer gearbeitet, bereits in der Schulzeit: Zeitungen austragen, Nachhilfe, Umfragen an Haustüren, später HiWi an der Uni. Während der Promotion, nach der Zeit am Lehrstuhl: Projektarbeit in einer Unternehmensberatung und die erste Selbstständigkeit. Weit mehr als eine Vollzeitstelle. Die Doktorarbeit lief (wenn überhaupt) nachts und am Wochenende. Am prägendsten waren aber zwei andere Jobs:
Ab der Oberstufe bis zum Hauptstudium habe ich in den Ferien Mehl geschleppt, für einen Großhandel: 50 Kilo-Säcke, frühmorgens, staubige Lager in ostwestfälischen Landbäckereien. Viele Aushilfen haben nach einem Tag aufgegeben, daher wurde es gut bezahlt.
Im Hauptstudium war ich über zwei Jahre Türsteher. Nachtschicht. Ich sage gern augenzwinkernd: Mehr über Psychologie gelernt als im Studium. Diagnostik und Recruiting. Ab und zu ein Trennungsgespräch, mit anderen Mitteln.
Auf dem Papier komme ich aus der Mittelschicht. Vater war Lehrer, Mutter halbtags Schreibkraft am OLG. Gefühlt war das Geld trotzdem knapp. Meine Eltern haben 1984 ein Haus gebaut, zu horrenden Hypothekenraten. Wenig Spielraum, kein Schnickschnack. Auf dem Gymnasium wurde ich bisweilen ausgelacht, weil meine Jeans von Takko waren — und nicht von Levi’s oder Replay. Sowas prägt. Woran ich das alles bis heute merke (bei allem Guten, das ich mitgenommen habe): Es fällt mir bisweilen schwer, „groß zu denken“. Ich sage manchmal aus Spaß: „Wenn du jung bist und große Visionen hast, dann komm nach Hamm. Nach zwei Jahren ist das vorbei…“ Wahrscheinlich tue ich meiner Heimat ein wenig Unrecht, doch so hat es sich oft angefühlt.
Aber vielleicht lerne ich das ja noch mit den Visionen, mit dem „Groß-Denken“. Schaunmermal. Bis dahin heißt es: „Du kriegst den Jungen aus Hamm raus. Aber nicht Hamm aus dem Jungen.“