Darf man eine Dinner Speech bei einem Top-Management-Meeting mit einer kurzen Lesung über Depressionen beginnen? Rhetorische Frage — ich habe das in den letzten Monaten mehrfach getan. Natürlich muss/darf man bei so einem Anlass nach hinten raus "die Kurve kriegen“ — schließlich sollen die Menschen noch Lust auf den Hauptgang haben. Und trotzdem: Das gehört da hin. Wenn man mich anfragt. Weil es ein Teil von mir ist.
Im Kern ging es übrigens um Resilienz in der Führungsrolle. Frei nach dem Motto: „You can‘t fill from an empty cup.“ Und da starte ich manchmal mit Nietzsche: „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.“ Das ist einerseits ein recht martialischer Gedanke und zudem auch nur einer von vielen Schlüsseln zu individueller Resilienz. Aber der Gedanke dahinter ist absolut valide.
Ich habe mit 16, während eines Auslandsjahrs in den USA, sehr konkret darüber nachgedacht, mir das Leben zu nehmen. Ganz viel Sport und Metal-Musik haben mich zum Glück davon abgehalten. Und auch, wenn es ein wenig cheesy klingt: Immer, wenn ich in meinem Leben in eine beschissene Lage gerate, ist einer meiner ersten Gedanken: „Ist das schlimmer als Pennsylvania ‘94?“
Und die Antwort lautet durchgehend: Nein! Oder vielleicht ist es schlimmer, aber ich empfinde es nicht so. Weil ich an der großen Krise damals — und den vielen kleineren dazwischen — gewachsen bin. In diesem Sinne frage ich mich manchmal: Wenn es Zeitreisen gäbe und ich mein jüngeres Ich vor dieser furchtbaren Erfahrung bewahren könnte (denn das war es, da gibt es nichts zu beschönigen…) — sollte ich es tun? Oder ist es gut, dass es so war, wie es eben war?
Die Antworten, die ich finde, wandeln sich mit der Zeit. Früher habe ich oft gedacht, es wäre besser gewesen, wenn mich jemand „gerettet“ hätte. Heute bin ich nicht mehr so sicher.
Und dann denke ich an meinen eigenen Kinder. Es ist vermutlich der natürlichste aller väterlichen Instinkte, den Nachwuchs vor Schaden bewahren zu wollen. Aber in Watte packen — das kann es auch nicht sein. Bäume bilden starke Wurzeln aus, wenn sie vom Wind immer wieder ordentlich durchgeschüttelt werden.
Aber was weiß ich schon?! Vorwärts gehen, rückwärts verstehen — um abschließend Kierkegaard zu paraphrasieren.
