Den Satz aus der Überschrift hat mein wichtigster Coaching-Ausbilder vor fast 20 Jahren während eines Ausbildungswochenendes rausgehauen — natürlich mit einem warmen Zwinkern in den Augen. Und bevor mich jetzt jemand mit der Doppelkeule aus Ethik und professionellem Anspruch erschlagen möchte: In dem Satz steckt, bei aller flapsigen Ausdrucksweise, etwas sehr Wertvolles:
Zum einen gibt es dort draußen nicht wenige Menschen, die Ausbildungen noch und nöcher ansammeln, ohne jemals wirklich mit echten Klienten (also abseits des Ausbildungssettings) zu arbeiten. Einfach, weil sie sich nicht trauen, weil sie das Gefühl haben, dass sie noch nicht „fertig“ sind. Es wird aber nie etwas werden, wenn wir uns nicht dazu bringen, irgendwann den Rubikon zu überschreiten.
Zum anderen, und das verstehe ich mit mittlerweile fast 18 Jahren Erfahrung im Coaching besser als früher, wollte dieser Ausbilder uns den Zahn ziehen, dass es so etwas wie eine perfekte, fehlerfreie Coaching-Sitzung gibt. Warum ist das wichtig?
Ein solcher Prozess ist keine mathematische Gleichung, für die es genau eine richtige Lösung gibt. Es ist ein Vortasten, ein Fahren auf Sicht, die Hoffnung auf Emergenz und einen Musterwechsel, den man aber niemals erzwingen kann.
Wenn ich den Prozess nach einer Coaching-Sitzung nochmal Revue passieren lasse, entdecke ich im Grunde jedes Mal Fragen, die nicht klug waren, oder die nicht weitergeführt haben. Ich finde Mikro-Interventionen, die nicht die gewünschten Ergebnisse gezeigt haben. Oder ich entdecke im Nachhinein Zusammenhänge, denen ich nicht konsequent genug nachgegangen bin.
Manchmal ärgere ich mich dann noch, aber es wird mit den Jahren seltener. Zumal ich mich heute auch mehr als „Gastgeber“ von Veränderung betrachte — und nicht als deren Katalysator oder Impuls.
Mit Sicherheit mache ich heute weniger Fehler als der Jungspund, der schon mit 29 Jahren seine erste Coaching-Praxis eröffnet hat. Aber wenn ich diese Fehler nicht hätte machen dürfen, würde ich vielleicht heute noch überlegen, ob ich überhaupt fähig bin, Menschen als Coach zu begleiten.