Nico Rose | Zeche

Reflexion: Der schwierigste Vortrag meines Lebens

Samstag, 28.6.2025: Um 17:15 Uhr soll ich auf der Bühne stehen beim Summit der Deutschen Gesellschaft für Positive Psychologie. Abschluss-Keynote zum Thema — als hätte sich das Schicksal einen bösen Scherz erlaubt — „Hilft Positive Psychologie in der Krise?“

Ich sitze mittags mit meinen Kids im Zug nach Berlin, schraube wie immer auf den letzten Drücker an ein paar Charts — als meine Schwägerin mich anruft. Mein Vater sei gerade verstorben.

Während ich versuche, möglichst gefasst meine Kinder einzuweihen, stellt sich notwendigerweise die Frage: Sofort nach Hause umkehren – oder weiter nach Berlin fahren, um den Vortrag zu halten? Mein Bruder und meine Schwägerin arbeiten beide in der Altenpflege. Wir verständigen uns kurzerhand darauf, dass ich erst am nächsten Morgen nach Hause zurückkehren müsse. Sie halten die Stellung bei meiner Mutter.

Natürlich frage ich mich zigmal, ob ich das Richtige tue. Schließlich denke ich darüber nach, was mein Vater mir wohl geraten hätte. Er war über 40 Jahre lang Lehrer, einer von der engagierten Sorte. Und mir wird sofort klar: „Zieh es durch, Junge!“, das wäre seine Botschaft gewesen.


So stehe ich am späten Nachmittag auf der Bühne, für einen der schwersten und irgendwie auch schönsten Vorträge meines Lebens. Ich weihe zu Beginn die versammelten Menschen ein. Mehr als einmal kommen mir die Tränen, auch im Publikum gibt es viele feuchte Augen.

Kurz vor Ende des Vortrags spielen wir das Intro von „Money for Nothing“ von den Dire Straits an. Mein Vater hat den Song zu Lebzeiten tausendfach gehört, wenn er einen seiner selbstgebauten Lautsprecher testen wollte.

Zum Abschluss der Konferenz wird die große Gruppe an Menschen angeleitet, in drei Tranchen eine Kanon zu singen: „Dona nobis pacem“ — ich habe die Kinder an meiner Seite. Das Singen gibt tatsächlich ein wenig Frieden für den Augenblick.

Nach dem Vortrag bildet sich eine Menschenschlange, viele möchten sich bedanken, einige hätten gerne ein Selfie. Ich versuche zu lächeln. Wenn man laut „Riesling“ sagt, geht es irgendwie.

Derweil sortiere ich meine Gedanken. Es war mit meinem Papa nicht immer leicht in den letzten Jahren. Aber Viktor Frankl erinnert mich daran, dass wir unsere Erinnerungen durchaus aktiv mitgestalten dürfen. Die Vergangenheit von morgen ist noch nicht geschrieben.


Herzlichen Dank an Prof. Dr. Judith Mangelsdorf für die Einladung, an Christian Thiele und Marcus Schweighart für die Moderation — und an alle TeilnehmerInnen, die mich durch die 45 Minuten getragen haben.

Nico Rose DGPP Summit