Schüleraustausch Nico Rose

Reflexion: Auf mich wurde geschossen

Ich weiß das rational, trage die Erinnerung in mir – aber wenn man den Satz in all seiner Klarheit ausspricht, bekommt er ein anderes Gewicht. Auf mich wurde geschossen. Zwar nur mit einem leichten Luftgewehr. Aber das braucht trotzdem kein Mensch — zumal, wenn man versucht, sich in eine komplett neue Lebenssituation in der Fremde einzufinden.

Der Westfälische Anzeiger aus Hamm hat neulich die Geschichte eines jungen Mannes erzählt, der sich gezwungen sah, einen Schüleraustausch abzubrechen. Ich habe einen Screenshot davon in verschiedenen Netzwerken geteilt, zusammen mit eigenen Erfahrungen von vor 30 Jahren. Das Thema hat offenbar viele Menschen berührt — es gab in kürzester Zeit mehr als 500.000 Aufrufe. Vor diesem Hintergrund hat die Zeitung mich eingeladen, meine eigene Geschichte nochmal ausführlicher zu erzählen. Der Beitrag ist heute erschienen.


Mein jüngerer Gastbrüder hat – neben anderen unangenehmen Dingen – mit einer „BB Gun“ auf mich geschossen. Wenn ich nicht zur Verfügung stand, hat er auf meine Sachen gezielt. Auf dem Bild sieht man ein Buch; das Projektil hat zwischen J und O das Cover durchschlagen und Löcher bis Seite 30 verursacht. Selbst wenn es nur ein Metallkügelchen ist, kann man sich ausmalen, was passiert, wenn so etwas im wahrsten Sinne des Wortes ins Auge geht.

Mein Sohn ist heute etwa im gleichen Alter wie der Gastbruder 1994. Die Pubertät ist an sich schon kein Zuckerschlecken. Ich mache ihm keine Vorwürfe (mehr). Er war mit der Situation sicherlich ähnlich überfordert wie ich. Ich habe ihm die Hälfte seines Zimmer „gestohlen“, ein eigenes stand mir nicht zur Verfügung. Und natürlich habe ich Aufmerksamkeit abgezogen von der (alleinerziehenden) Gastmutter. Die war wiederum auch mehr als überlastet mit der gesamten Situation.

Der größte Fehler lag beim Unternehmen, dass den Austausch organisiert hat. Es hätte prüfen und dann erkennen müssen, dass diese Familie im damaligen „Zustand“ mit der Belastung, eine weitere, völlig fremde Person aufnehmen zu müssen, überfordert war.

Damals gab es noch nicht die Möglichkeit für Videokonferenzen. Ferngespräche kosteten noch richtig viel Kohle. Würde eines meiner Kinder in ein paar Jahren so einen Austausch machen wollen: Ich würde dem auf jeden Fall zustimmen. Aber: Ich würde auch viel, genauer vorher hinschauen, besser verstehen wollen, wie die Situation vor Ort aussieht.

Und ich würde ihnen sagen, dass es keine Schande ist, ein Vorhaben auch wieder aufzugeben, wenn es zu weh tut. Das bin ich meinem jüngeren Ich schuldig.

Um diese Ausführungen mit einem Lichtblick zu beenden: Die Zeit, mit allem, was geschehen ist, hat mich auch abgehärtet. Wenn ich seitdem in einer schwierigen Lage stecke, frage ich mich gerne: „Ist das schlimmer als Pennsylvania ‘94?“ Bisher lautet die Antwort immer: Nein!

Westfälischer Anzeiger Schüleraustausch