WAS UND WARUM IST POSITIVE PSYCHOLOGIE?

Die psychologische Wissenschaft vom gelungenen Leben

Wenn ich meinen Zuhörern in Vorträgen erkläre, was die Positive Psychologie ausmacht, greife ich gerne auf folgendes Bild zurück: Gehen sie gedanklich in den Buchladen, dort schnurstracks zum Regal mit der Literatur über Selbsthilfe, Motivation und zur Frage, was ein glückliches Leben ausmacht.

Subtrahieren sie nun das Esoterik- und Guru-Gedöns. Nehmen sie dann die Themen mit zum Regal über empirische Forschungsmethoden und Statistik. Lassen sie die harten Methoden auf die (vermeintlich) weichen Themen los. Fertig. Anders gesagt: Positive Psychologie ist die (psychologische) Wissenschaft vom gelungenen Leben.

Sie widmet sich auf Basis von Experimenten, Fragebogen­studien und Langzeitbeobachtungen Fragen wie: Was lässt Beziehungen gelingen, im privaten wie im beruflichen Kontext? Unter welchen Umständen empfinden Menschen ihr Leben (oder ihre Arbeit) als sinnvoll? Welche Eigenschaften von Menschen und Organisationen können verlässlich Erfolg vorhersagen?

Die Themen sind also nicht neu, sie haben auch schon die antiken Philosophen beschäftigt. Neu ist, dass wir aufgrund von wissenschaftlichen Fortschritten Antworten geben können, die sich jenseits von Binsenweisheiten, „feste dran glauben“ und schlichter Scharlatanerie bewegen.

Dr. Nico Rose | Sinnput-Geber | Keynote Speaker für Positive Psychologie
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Positive Psychologie: Ein kurzer Abriss

Wenn man Ende des 20. Jahrhunderts die psychologische Fachliteratur danach geordnet hätte, ob sie negative Phänomene (z.B. Depressionen) bzw. positive Phänomenen behandelt (z.B. Sinnerleben), hätte sich eine 80/20-Verteilung ergeben – zugunsten der negativen Seite.

Dies bewog 1998 den einflussreichen Psychologie-Professor Martin Seligman gemeinsam mit Mitstreitern wie Ed Diener und Mihály Csíkszentmihályi dazu, einen Paradigmenwechsel einzufordern.

Er propagierte die Notwendigkeit einer Positiven Psychologie, die sich der Erforschung von 1) erstrebens­werten menschlichen Erfahrungen, 2) wünschens­werten Persönlichkeits­eigen­schaften, 3) gelungenen Beziehungen und 4) wertvollen Organi­sationen (über finanziellen Erfolg hinaus) widmen sollte. Seligmans Aufruf stieß auf ein breites Echo, so dass die Positive Psychologie in den letzten Jahren eines der am schnellsten wachsenden Teilgebiete der Psychologie darstellte.

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Die Bausteine eines gelungenen Lebens: PERMA

Der Grundgedanke der Positiven Psychologie: so wie sich auch im Bereich körperlicher Gesundheit zunehmend das Konzept der Salutogenese durchsetzt, sind Positive Psychologen der Überzeugung, dass ein gelungenes Leben nicht allein durch die Abwesenheit von Störungen und Einschränkungen erklärt werden kann. Wenn es also um etwas Seiendes geht: Was sollte sein? Um dies möglichst erschöpfend zu definieren, prägte Seligman das Akronym PERMA. Es besteht aus den englischen Begriffen „Positive Emotions“, „Engagement“, „Relationships“, „Meaning“, und „Achievement“.

Positive Emotionen
Zum gelungenen Leben gehört regelmäßiges Erleben von positiven Emotionen wie Freude, Zufriedenheit, Stolz, Dankbarkeit und Liebe. Die bekannteste Forscherin in diesem Feld ist Barbara Fredrickson, die mit der „Broaden-and-Build-Theorie“ ein eigenes Entstehungsmodell der positiven Emotionen vorgelegt hat. Laut Fredrickson verleiten uns positive Emotionen dazu, unseren Blick zu weiten, kreativ zu werden, Neues in die Welt zu bringen. Darin liegt ihr spezifischer Nutzen, abseits der Tatsache, dass es sich gut anfühlt, sich gut zu fühlen.

Engagement
Das Gründungsmanifest der Positiven Psychologie aus dem Jahr 2000 wurde von Martin Seligman und Mihály Csíkszentmihályi verfasst. Csíkszentmihályi hatte in den 1980er das Phänomen des Flow, also das völlige Aufgehen in einer Tätigkeit, beschrieben. Folglich steht er Pate für den zweiten Buchstaben von PERMA. Zu einem gelungenen Leben gehört, Interessen zu entwickeln und Tätigkeiten nachzugehen, die uns herausfordern, ganz für sich einnehmen, uns erfüllen.

Beziehungen (Relationships)
Wenn Chris Peterson, ein bereits verstorbener Mitstreiter von Seligman, um eine kurze Definition der Positiven Psychologie gebeten wurde, pflegte er zu sagen: „Other people matter.“ Wenn man alle Studien zu Treibern von Glück und Zufriedenheit übereinanderlegt, stehen gelungene Beziehungen solide auf Platz eins der Liste. Jane Dutton untersucht beispielweise den Mehrwert von gelungenen Beziehungen in Organisationen, unter anderem Vertrauensbildung und Authentizität von Führungspersonen. Sie zeigt, dass „High-Quality Connections“ das Schmiermittel jeder Organisation sind, weil sie ihr Energie zuführen – im Gegensatz zu korrosiven Beziehungen, die Energie entziehen.

Sinn (Meaning)
Zum gelungenen Leben gehört das Erfahren von Sinn, im privaten wie beruflichen Kontext. Menschen möchten ihre Existenz als Geschichte von aufeinander aufbauenden Verknüpfungen erzählen können, so, wie Steve Jobs es in seiner berühmten Stanford-Rede geschildert hat. Häufig offenbart sich Sinn im Dienst an anderen Menschen oder für „das große Ganze“. Allerdings ist es üblich, Phasen zu erleben, in denen der Sinn (scheinbar) verloren geht und neu gesucht werden muss. Forscher wie Michael Steger und Laura King haben sich sehr um dieses Thema verdient gemacht.

Erfolg (Achievement)
Schließlich gehören zum gelungenen Leben regelmäßige Erfolgserlebnisse, im Kleinen wie im Großen. Ein nützlicher Faktor auf diesem Weg ist das Treffen von guten Entscheidungen, ein Thema, dem sich u.a. Barry Schwartz gewidmet hat. Auch Daniel Kahneman, Träger des Wirtschaftsnobelpreises 2002, wird zu den Positiven Psychologen gerechnet. In den Bereich Erfolg fällt auch die Forschung von Angela Duckworth zu einer Eigenschaft namens „Grit“, definiert als Leidenschaft für das Verfolgen von langfristigen Zielen, auch im Angesicht von Widerständen. Adam Grant trägt ebenfalls zu diesem Feld bei, er untersucht u.a. Altruismus in Organisationen.

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Praxis der Positiven Psychologie: Ein weites Feld

Von Anfang waren Positive Psychologen bemüht, ihre Erkenntnisse in die Praxis umzusetzen. Das erste große Projekt, das Martin Seligman zusammen mit Chris Peterson anging, war ein Kompendium menschlicher Charakterstärken. Es besteht aus 24 Stärken, beispielsweise Mut, Großzügigkeit und Optimismus).Sie bilden einen Weg, sich wertschätzend über Menschen auszutauschen, ohne in geistlose Stärken-Schwächen-Muster zu verfallen.

Ebenso früh wurden positive Interventionen entwickelt und getestet, in den Alltag integrierbare Übungen, um die Lebenszufriedenheit zu erhöhen. Eine der am besten untersuchten Interventionen ist eine Dankbarkeitsübung, bei der man eine Zeit lang abends drei Dinge notiert, für die man am abgelaufenen Tag dankbar sein kann. So simpel die Übung, so effektiv ist sie – übrigens über den Zeitraum der Intervention hinaus.

Mittlerweile gibt es Schulen, die die Erkenntnisse der Positiven Psychologie in ihre Curricula integrieren, Kommunen, die die PERMA-Kriterien in ihrer Arbeit berücksichtigen (z.B. in puncto Stadtplanung) – und das U.S.-Militär hat bereits vor Jahren damit begonnen, Soldaten durch ein von Martin Seligman und Mitstreitern konzipiertes, mehrtägiges Resilienz-Training zu schleusen.

Je mehr Menschen sich für das neues Feld begeistern, umso breiter wird auch der Blickwinkel. Mittlerweile gibt es Ansätze, die die Schnittmengen von Positiver Psychologie zu Aspekten wie Kunst, Musik, Film, Sport zu erkunden. Das Buch „Positive Psychology at the Movies“ von Ryan Niemiec zum Beispiel widmet sich der Ausbildung von Charakterstärken durch das Anschauen von Filmen.

Positive Psychologie in der Wirtschaft

Früh in den 2000er-Jahren begannen Positive Psychologen und innovative Wirtschaftswissenschaftler einen fruchtbaren Dialog. Es entstand ein eigenes Feld: „Positive Organizational Scholarship“, dass sich der Erforschung der Positiven Psychologie in Organisationen widmet – und welches auch die Grundlage meiner Arbeit bildet. Naturgemäß geht es u.a. darum, was gut Führung ausmacht, welche Aspekte einer Unternehmenskultur dafür sorgen, dass Menschen ihre Arbeit als sinnstiftend und erfüllend erleben, oder unter welchen Rahmenbedingungen sich Menschen gemeinsam zu einem Hochleistungsteam entwickeln.

Die Speerspitze des Feldes bilden schwerpunktmäßig Forscher, welche an der Ross School of Business der University of Michigan arbeiten (z.B. Jane Dutton, Kim Cameron, Robert Quinn) oder dort ausgebildet wurden (Adam Grant, Amy Wrzesniewski). Sie vertreten dort gemeinsam mit Kollegen das Center for Positive Organizations, eine Institution, zu der auch ich enge Verbindungen pflege, um mich auf dem aktuellen Stand der Forschung zu halten.

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Veröffentlichungen zur Positiven Psychologie

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