Ich habe in den letzten Jahren eine gute Handvoll Unternehmen bei der „Ent-Deckung“ von Unternehmenswerten oder der Überarbeitung kodifizierter Werte unterstützt. Bei der Komposition solcher Statements ist zu beachten, dass nicht alle Werte aus dem gleichen Holz geschnitzt sind.
Viele Statements sind lediglich aus Grundwerten zusammengesetzt. Ein Beispiel: Respekt, wie in: „Wir pflegen ein respektvolles Miteinander.“ Dagegen ist nichts einzuwenden. Allerdings kommt hier etwas Selbstverständliches zum Ausdruck. Man erkennt dies daran, dass die Umkehrung keinen Sinn ergibt („Wir behandeln uns respektlos“). Wenn ein Statement nur aus solchen Binsen besteht, ist es mit hoher Wahrscheinlichkeit austauschbar und nicht handlungsleitend.

Andererseits sehe ich Statements, die ausschließlich aus einem Ideal bestehen („Wie liefern immer 120% Qualität.“). Hier besteht die Gefahr, dass die Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität zu groß wird, sowohl aus der Perspektive der Kunden wie auch der Mitarbeiter. Im Extrem droht Zynismus, weil die Menschen spüren, dass das Unternehmen dem eigenen Anspruch nicht gerecht wird.
Zudem ist zu beachten, dass es in jeder Organisation Werte gibt, die gelebt werden, aber nirgendwo verschriftlicht sind. Sie haben sich eingeschlichen. Manches davon kann wünschenswert sein – dann ist zu überlegen, ob man den impliziten Wert nicht explizit machen möchte. Andere Zufallswerte können der Organisation schaden. Auch hier ist es möglich, das unbewusste Handeln ein Stück weit explizit zu machen, um gegenzusteuern.
Ich freue mich, wenn eine Organisation genug Zeit, Ressourcen und Mut(!) aufbringt, wirklich in sich zu gehen, um zu erspüren, was „das Ganze“ im Kern auszeichnet — um es dann in eine Sprache zu kleiden, die wirklich idiosynkratisch ist. Zur Wahrheit gehört: Die meisten Werte-Statements sind (auf der verbalen Ebene) so austauschbar, dass man das Logo dazusetzen muss, um überhaupt zu verstehen, um welche Organisation es geht.
Ein positives Beispiel ist für mich JAB Anstoetz Gruppe, ein Familienunternehmen aus der Textilbranche in OWL. In deren Werte-Statement findet sich z.B. der Begriff Augenmaß (mit zusätzlichen Erläuterungen). Dieses Wort habe ich woanders noch nie gesehen. Es evoziert bestimmte Vorstellungsbilder und passt gleichzeitig wunderbar zu dem, was das Unternehmen seit rund 80 Jahren tut. Gleichzeitig hat das Wort Augenmaß noch eine andere Qualität: Es ist so spitz/deutlich formuliert, dass es auf manche Menschen vermutlich eine abschreckende Wirkung hat.
Wichtig: Das ist etwas Gutes. Die meisten Werte-Statements wollen komplett offen sein und niemanden verprellen. Werte haben jedoch immer etwas mit Integrität zu tun. Sie sollen etwas Wertvolles beschützen — und dienen folglich auch dazu, „nicht passende“ Menschen (z.B. als Arbeitnehmer) fernzuhalten — eben solche, die sich mit den Werten nicht identifizieren können.