Nico Rose | Speaker

Reflexion: New Work ist nicht „tot“. Es beginnt gerade erst wirklich

„Wenden sich die vielen New-Work-Initiativen langsam aber sich gegen die Unternehmen?“

Diese Frage spukt mir seit einiger Zeit im Kopf herum. Wir sehen, zumindest in Westeuropa, derzeit ein Trend hin zu immer kürzeren Arbeitszeiten (oder zumindest: der Forderung danach). Nun könnte man fragen: Wollen diese Menschen wirklich einfach nur weniger arbeiten? Oder wollen sie vor allem weniger abhängig/angestellt arbeiten? Was werden sie mit der zusätzlichen freien Zeit anfangen, wenn sie ihnen gewährt wird? Sicherlich nicht ausschließlich Netflixen und Chillen, oder?

Die Sache ist die: Wenn man sich die aktuellen New-Work-Initiativen in vielen Unternehmen anschaut, konzentrieren sich diese zumeist auf jene Idee von Frithjof Bergmann, wonach Menschen möglichst Arbeit übernehmen sollten, die sie „wirklich, wirklich wollen“. Dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden. Von tayloristischen Arbeitsformen ausgehend ist das definitiv eine Reise in die richtige Richtung. Was aber vielerorts übersehen wird:

Es ging Bergmann nicht einfach darum, „das Hamsterrad der Lohnarbeit besser auszupolstern“. Er hatte die Vision eines radikal anderen Wirtschaftssystems. Wohlgemerkt: kein sozialistisches Konstrukt – sondern eines, das auf einem hohen Maß an individueller Selbstverantwortung und lokaler Eigenversorgung (in kleinen Gemeinschaften) beruht. Er sah eine Welt, in der Menschen das, was sie zum Leben benötigen, weitgehend autonom herstellen, beispielsweise durch lokale Agrikultur oder auch durch 3-D-Druck. Ebenso ermutigte er dazu, unnötigen Konsum einzuschränken, sprich: Es ging ihm darum, immer wieder zu fragen, was wir wirklich, wirklich brauchen (und was vielleicht auch entbehrlich ist).

Bergmann verstand New Work als Arbeitsform, die in eine Welt eingebettet ist, in der große Unternehmen, wie wir sie heute kennen, eigentlich nur noch ein „notwendiges Übel“ sind, weil sich manche überlebenswichtige Wirtschaftsgüter nur sehr ineffizient in hyperlokalen Strukturen herstellen lassen.

Wenn nun also immer mehr Menschen deutlich weniger (angestellt!) arbeiten wollen, liegt es durchaus im Bereich das Möglichen, dass diese Menschen New Work (langfristig) einfach wirklich, wirklich ernst nehmen – und dass die Arbeitgeber schlicht und ergreifend „das Kleingedruckte“ in Bergmanns Schriften nicht richtig gelesen haben.

New Work ist nicht tot