Wacken Depression Panel

Reflexion: Podiumsdiskussion zu Depressionen auf dem Wacken Open Air

Mit etwas Abstand habe ich nun einige Gedanken zum Panel über Depression auf Wacken sortiert (gemeinsam mit Johnny von Soulbound, Sabina Classen von Holy Moses und Rudi Rduch von Metality).

Zur Wahrheit gehört: Das war für mich eine der herausforderndsten Stunden in den letzten Jahren. Zum Glück habe ich das erst im Anschluss bemerkt. Beim Meet & Greet im Nachgang habe ich mich einige Male herausgezogen, weil ich — zumindest kurz — das Bedürfnis hatte, mit meinen Gedanken, Gefühlen und Tränen allein zu sein. Gleichzeitig tat es gut zu wissen, dass zwanzig Meter weiter fünfzig Verrückte in Kutten warten, um dich aufzufangen.

Ich war auf der Bühne einige Male den Tränen nah. Und es wäre keine Schande gewesen, dort zu weinen. Das ist mir schon mehrfach während meiner Lesungen passiert. Aber an diesem Tag war ich Moderator, Klammer, strukturgebende Kraft — und diesem Auftrag wollte ich gerecht werden.

Es ist so: Ich habe im Laufe des sechzehnten Lebensjahrs zum ersten Mal eine depressive Episode erfahren, mit konkreten Selbstmordgedanken. Danach ging es sukzessive wieder bergauf — bis es mich um das dreißigste Jahr noch mal erwischt hat. Seit über fünfzehn Jahren geht es mir nun wirklich gut, ich bin mit Sicherheit nicht mehr “klinisch relevant”. Aber der ferne Klang jener Tage, die Echos von Schmerz, Trauer, Hoffnungslosigkeit: Die werde ich bis zum Ende meines Lebens in mir tragen. Und das ist okay so. “Wer wäre ich ohne meine Dunkelheit?” hat Johan Hegg so schön “gesungen”.

Ich habe im Lauf jener Stunde viele Menschen weinen sehen vor der Bühne. Einige haben mir geschrieben, dass sie sich zwischendurch ein wenig zurückziehen mussten – und dass es trotzdem gut war, dass sie gekommen sind. Ich kann mich an so viele eindrucksvolle Geschichten und kluge Gedanken auf der Bühne erinnern, dass es mir schwerfällt, etwas Bestimmtes herauszugreifen. Ich denke, über allem schwebt der Gedanke: “You are not alone!“

“Zu glauben, dass ich allein gehen muss, ist eine Lüge, die mir erzählt wurde.” Diese Zeilen singen Fort Atlantic in ihrem Song “Let Your Heart Hold Fast”* Für mich war das immer das Tückischste an der Krankheit: Du fühlst dich nicht nur elend. Da ist auch die Gewissheit, dass andere dich nicht mehr erreichen können – selbst jene Menschen, die dich am meisten lieben. Doch das ist tatsächlich eine Lüge. Eine Geschichte, die einem des eigene Gehirn vorgaukelt. Sprechen, Zuhören, Dasein (ohne etwas ändern zu wollen) — damit fängt für viele Menschen ein Weg der Heilung an.

  • So bleibt mir, mich bei Sabina, Johnny und Rudi zu bedanken, dass ihr mit mir die Bühne geteilt habt. Danke fürs Sprechen, Zuhören, Dasein!
  • Danke an Holger Hübner, Thomas Jensen & Team, dass ihr eure Bühne zur Verfügung gestellt habt.
  • Danke an Metality für die Begleitung!

Zum Schluss noch die wichtige Botschaft für all jene, die derzeit noch am Kämpfen sind: Es kann wirklich, wirklich besser werden, das ist keine Illusion. Ich bin der lebende Beweis.

* Der Song läuft im Hintergrund, während Barney Robin den Heiratsantrag macht in HIMYM.

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