Nico Rose | 2023

Reflexion: Über Thermomix-Coaching und „bessere Probleme“

Die Zeit von 2005 bis 2010 nenne ich gerne augenzwinkernd meine Seminarjunkie-Phase. In dieser Zeit habe ich jedes Jahr 40 bis 60 Ausbildungstage absolviert, zum Teil noch nebenbei als Co-Trainer an Ausbildungen mitgewirkt. Während mein Bekanntenkreis zum Backpacking nach Bali geflogen ist (o.ä.), habe ich jede freie Stunde und jeden Euro in eine diverse Palette von Ausbildungen in Veränderungsmethodik gesteckt.

Wenn man Coachen lernt, wird einem i.d.R. kategorisch die Idee der Lösungsorientierung eingehämmert. Während diese Idee sicherlich ihre Berechtigung hat, wird mir im Lauf der Jahre immer klarer, dass sie auch eine Menge an Einschränkungen mit sich bringt.

Eine Karriere (bzw. auch das Leben als solches) ist einfach kein Problem, das wir „lösen“ könnten — so, als sei das Ganze eine mathematische Gleichung. Eher zeichnet sich ein gelingender Coaching-Prozess dadurch aus, dass die Menschen nachher „bessere Probleme“ bekommen.

Ich begleite in den letzten Jahren fast ausschließlich höhere Führungskräfte. Nach meiner Erfahrung suchen diese Menschen erst gar nicht nach Lösungen. Wenn es so etwas wie eine Lösung gäbe, hätten Sie diese mit Intelligenz unter Hinzunahme von Zahlen, Daten und Fakten schon lalleine gefunden.

Diese Menschen müssen regelmäßig Entscheidungen treffen – in z.T. hochkomplexen Situationen, bei denen von vornherein klar ist, dass jeder neue Schritt, so intelligent und gut durchdacht er sein mag, neue Probleme mit sich bringt. Den Erfolg des Coachings erkennt man im Wesentlichen daran, dass die betreffende Person ihre Entscheidung mit einem hohen Maß Reflexion — und als Konsequenz: Selbstwirksamkeit und Zuversicht trifft.

Zudem wird in Ausbildungen — vermutlich notwendigerweise — das unterrichtet, was ich als Thermomix-Coaching bezeichne. Man lernt Techniken, Formate, festgelegte Routinen: „Wenn der Klient mit einem Problem von Typ x kommt, dann kramst du Coaching-Technik aus deinem Methodenkoffer.“ Auch dieses Vorgehen ist über die Jahre fast vollständig in den Hintergrund gerückt. Es mutet fast ein bisschen paradox an, dass man einen höheren fünfstelligen Geldbetrag hinblättert, um sich Prozess-Wissen anzueignen, das man später praktisch nicht mehr benutzt.

Ich bin fest davon überzeugt, dass es wichtig ist, diese Thermomix-Phase irgendwann zu überwinden. Man kocht dann nicht mehr nach Rezept und Anleitung, sondern hat eine große Bandbreite an schmackhaften Zutaten kennengelernt — und weiß, was in welcher Dosis kreativ miteinander kombiniert werden kann, um ein schmackhaftes Coaching-Gericht zu servieren.

Management Coaching und Positive Psychologie