Gegenwärtig beschäftigen sich viele Medien, mit unterschiedlichem Tiefgang, mit Coaching als Profession auf der einen Seite – und Vermarktern von Online-Kursen und Großgruppen-Veranstaltungen (in aller Deutlichkeit: auf Schnellballsystemen beruhenden Verkaufsveranstaltungen mit oberflächlichem Anstrich als Persönlichkeitsentwicklung) auf der anderen Seite (Beispiele hier und hier). Es ist bereits eine Menge dazu gesagt worden, vor allem von Vertretern der verschiedenen Coaching-Verbände. Daher nur eine Anmerkung von meiner Seite:
Ich bin jetzt im 16. Jahr mit Coaching unterwegs, das Thema liegt mit sehr am Herzen. Ein Coaching-Prozess, der seinen Namen verdient, wird immer darauf abzielen, die (innere) Freiheit und Selbstbestimmung der Klienten zu stärken. Die Beziehung beruht auf Respekt und Vertrauen, strebt aber gleichzeitig auch nach Unabhängigkeit. Daraus folgt:
Ein seriös arbeitender Coach wird anstreben, sich möglichst schnell wieder überflüssig zu machen. Selbstverständlich kommt es vor, dass ein Klient über die Jahre hinweg mehrfach mit dem gleichen Dienstleister in einen Coaching-Prozess zu unterschiedlichen Anliegen eintritt. Doch innerhalb eines singulären Auftrags gilt das zuvor gesagte.
Beide Parteien müssen sich „alles sagen können“ (können, nicht müssen). Mir ist in der Vergangenheit sogar die Forderung begegnet, dass Coaches finanziell unabhängig sein sollten, weil die monetäre Abhängigkeit vom Honorar des Klienten die Freiheit und Klarheit zwischen den beiden Parteien „verunreinigen“ könnte. Das ist sicherlich eine extreme und unrealistische Forderung. Doch sie verdeutlicht, wie wichtig der Aspekt der inneren Freiheit – auf beiden Seiten(!) – für gelingendes Coaching ist.
Die Anbieter entsprechender Schneeballsysteme zielen letztlich auf das exakte Gegenteil ab: Sie befeuern die zunehmende Abhängigkeit auf Seiten der Nutzer/Endkunden – sowohl, was den finanziellen Aspekt betrifft, als auch die unterliegende psychologische Komponente. Das Perfide ist allerdings, dass sich am Ende des Tages praktisch alle Beteiligten langfristig in eine Form der Unfreiheit begeben, denn letztlich werden alle – in unterschiedlichem Maße – Opfer der dysfunktionalen Dynamik entsprechender Geschäftsmodelle. Es profitieren, wenn überhaupt, einige weitgehend gewissenlos agierende Individuen an der Spitze der Unfreiheitspyramide.
Ich bilde mir ein, dass die himmelweiten Unterschiede zwischen seriösem Coaching und Bauernfängerei eigentlich für jedermann klar erkennbar sein müssten. Die aktuellen Debatten legen nah, dass dem (noch) nicht so ist. Aber wie mein alter Herr, ein pensionierter Oberstudienrat, manchmal zu sagen pflegt: „Redundanz ist die Mutter der Pädagogik.“